Zwischenmenschliche Empathie und „KI-Empathie“: Von echter Hilfe bis hin zu riskanter Schleimerei

Empathisch klingende KI-Antworten können hilfreich wirken – doch übermäßige Zustimmung kann Urteile verzerren und Abhängigkeit begünstigen. Der Beitrag ordnet KI-Empathie psychologisch ein und zeigt, warum verantwortungsvoller KI-Einsatz neben Bestätigung auch Widerspruch, Perspektivwechsel und menschliche Expertise braucht.
Nachdenklicher Mann sucht bei einer KI Unterstützung für einen zwischenmenschlichen Konflikt.

Empathie: Grundlegend gut, beispielsweise im Rahmen psychotherapeutischer Validierung ...

Der heutige Blogpost befasst sich genauer mit dem bereits im letzten psychologisch-orientierten Blogpost aufgegriffenem Thema der „KI-Empathie“ausgehend vom Empathie-Begriff in der psychologischen Beratung und Psychotherapie. 

Grundlegend ist Empathie an sich eine wünschenswerte Eigenschaft: 

Beispielsweise stellt Empathie neben Akzeptanz und Kongruenz den dritten wesentlichen Wirkfaktor in Orientierung am gesprächspsychotherapeutischen und humanistischen Pionier Carl Rogers (1902 – 1987) dar, was heute noch zentral als eine Grundlage der psychologischen Beratung und Psychotherapie vermittelt wird (Hoyer & Wittchen, 2020). 

Weiterhin konnte zum Beispiel Bruce E. Wampold von der University of Wisconsin in einer einflussreichen zusammenführenden Analyse aus dem Jahr 2015 Empathie als einen der wichtigsten psychotherapeutischen Wirkfaktoren bestätigen, insbesondere etwa im Zusammenspiel mit einer auch dadurch begünstigten therapeutischen Allianz sowie klar übereinstimmenden und gemeinschaftlichen Zielklärungen. 

… aber es besteht auch das Risiko der Übervalidierung und Abhängigkeitserzeugung

Bereits die gesprächspsychotherapeutischen und humanistischen Pionierpersönlichkeiten führten allerdings ebenfalls schon kritischen Austausch zu ihren Ansätzen:  

So diskutierten Carl Rogers und Rollo May (1909 – 1994) in einem Austausch aus dem Jahr 1982 wie angesichts gesprächspsychotherapeutischer und humanistischer Grundannahmen (nach denen Menschen etwa fundamental gut/konstruktiv/etc. seien) mit der Herausforderung „des Problems des Bösen“ umzugehen sei – sowohl global betrachtet (etwa bezüglich weltweiter Bedrohungslagen) als auch einzelpersonenspezifisch (etwa durch Risiken der Übervalidierung gemeinschaftsschädlicher narzisstischer/überexzessiver Selbstliebe). 

Spezifisch betrachtet birgt eine unprofessionelle therapeutische Beziehung wie sie durch unverhältnismäßige empathische Übervalidierung entstehen kann diverse Gefahren von Risiken und Nebenwirkungen: 

Unter anderem weisen Jürgen Margraf und Saskia Scholten (2018) in ihrem diesbezüglichen Lehrbuchkapitel auf verschiedene sehr deutliche Beispiele hin, auf prominenter Ebene etwa „die dubiosen Umstände der Berücksichtigung von Anna Freuds Stiftung im Testament Marilyn Monroes“. 

Insbesondere hinsichtlich Abhängigkeit, Entmündigung und Bevormundung halten Margraf und Scholten fest: 

Weitere Verstöße gegen den hippokratischen Eid stellen Abhängigkeit, Entmündigung und Bevormundung von Patienten dar. »Ich muss erst meinen Therapeuten fragen, bevor ich eine Entscheidung treffe« ist ebenso unangemessen wie die Idee einer lebenslangen Therapie (vgl. das Beispiel zum »Wolfsmann« sowie auch die oben angegebenen Quellen zum Fall Marilyn Monroes bzw. ihrer Therapeuten). Mindestens beim heutigen Kenntnisstand muss jedem Therapeuten, der diesen Haltungen bei seinen Patienten Vorschub leistet, unethisches Verhalten vorgeworfen werden[.] 

Eine erweiterte Einordnung kürzlicher Befunde zur Verminderung prosozialer Absichten durch und Förderung möglicher Abhängigkeit von „KI-Empathie“

Vor diesem Hintergrund sei nun an die im letzten psychologisch-orientierten Blogpost bereits vorgestellte diesjährige Studie vom Team um Myra Cheng von der Stanford University erinnert: 

  • KI-Sprachmodelle bestätigten Nutzende knapp 50% häufiger in ihren Handlungen als Menschen, selbst wenn diese Handlungen Täuschung, Schädigung anderer oder illegales Verhalten beschreiben. 
  • Schon eine einzige Interaktion mit so einem schmeichlerischen KI-Sprachmodell senkte in den Experimenten die Bereitschaft, sich zu entschuldigen oder Konflikte aktiv zu lösen, um bis hin zu etwas mehr als 25%. 
  • Dabei halfen weder ein maschinell-neutraler Ton noch das explizite Wissen, dass die Antwort von einer KI stammt: Beide Gegenmaßnahmen zeigten keine Wirkung. 
  • Hervorgehoben wurde, dass die Sycophancy/Schleimerei-Debatte bei KI-Anbietenden bereits weit zurückreicht und Nutzende genau die Modelle bevorzugten, die ihnen schaden und wie deutlich gezeigt wurde können scheinbar harmlose Entscheidungen in Bezug auf Design und Technik schwerwiegende Schäden nach sich ziehen. 
  • Zum Schutz des langfristigen Wohlergehens der Nutzenden und ihres Umfelds ist es daher von entscheidender Bedeutung, die Auswirkungen der KI sorgfältig zu untersuchen und zu antizipieren um genau die Unterhöhlung von tatsächlicher Prosozialität und die Verstärkung von Abhängigkeit zu vermeiden, die der Originaltitel der Studie zusammenfasst („Sycophantic AI decreases prosocial intentions and promotes dependence“).  

Angesichts der zuvor geschilderten Hintergründe sei hier einerseits erweitert eingeordnet, dass das grundlegende Problem der Übervalidierung keine KI-spezifische Neuheit ist. 

Andererseits sei die Dringlichkeit des verantwortungsvollen menschlichen Handelns verstärkt, wie sie auch von Myra Cheng und ihrem Team KI-spezifisch durch ihre Publikation prominent hervorgehoben wurde – sowohl soweit möglich in der Einbeziehung globalerer Ebenen (etwa politisch) als auch in spezifischeren persönlichen Ebenen (etwa im eigenen professionellen und persönlichen Kontext).   

Ob mit oder ohne KI: Die Herausforderung des anhaltenden Ausbalancierens von empathisch-emotionaler Aufwärmung und kritisch-rationaler Abkühlung

Als abschließende Anregung zum verantwortungsvollen Umgang mit der Herausforderung des anhaltenden Ausbalancierens von empathisch-emotionaler Aufwärmung und kritisch-rationaler Abkühlung sei weiterhin nochmals an die vorherigen Blogposts zu KI im HR und zur Relevanz von Expertise bei Hyperautomation erinnert, die ebenfalls die Notwendigkeit verantwortungsvoller menschlicher Expertise im Umgang mit KI thematisieren, sowie an die bereits ebenso zuvor zitierte Anregung „to use AI to pressure-test your thinking rather than replace it“.   

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Literatur