Burnout – keine klare Diagnose aber gesellschaftlich hochrelevant
Burnout ist ein weit verbreiteter Begriff zur Beschreibung von Erschöpfung, Überforderung und Sinnverlust. Trotz zahlreicher Forschung in den vergangenen Jahrzehnten beschreibt ihn Andreas Hillert, einer der national und international führenden Experten in diesem Forschungsbereich, in einer kürzlich erschienen Übersichtsarbeit, welche als Grundlage dieses Textes dient, als unscharf. Vor allem regt Hillert dazu an, dass Burnout als subjektives Krankheitsmodell unter mehreren Perspektiven zu verstehen ist.
Diese Perspektiven sollen nachfolgend insbesondere vor dem Hintergrund zunehmender Automatisierung eingeordnet werden, inklusive eines Überblicks zu möglichen Präventionen.
Vier Perspektiven auf Burnout und ihre Vermischung
Betroffenenperspektive
Burnout beschreibt persönlich erlebtes Leiden und bietet eine nicht stigmatisierende Erklärung.
Medizinische Perspektive
Burnout ist keine eigenständige medizinische Diagnose, wird aufgrund symptomatischer Überschneidungen jedoch häufig im Kontext psychischer Erkrankungen wie Depressionen oder Angsterkrankungen thematisiert.
Arbeitspsychologische Perspektive
Burnout dient als Maß für subjektives Belastungserleben, etwa mithilfe speziell dafür entwickelter Fragebögen, welche allerdings nicht eindeutig trennscharf sind.
Sozialwissenschaftliche Perspektive
Burnout wird als Ausdruck gesellschaftlicher Entwicklungen wie Leistungsverdichtung, Beschleunigung und Entgrenzung interpretiert.
Burnout – mehr als reine Arbeitsüberlastung
So ist Burnout nicht zwangsläufig einfach die Folge hoher Arbeitsbelastung. Entscheidend ist nicht die objektive Belastung, sondern deren subjektive Bewertung. Eine breit angelegten Online-Befragung von in unterschiedlichen Berufsgruppen, zeigte etwa Unterschiede zwischen Berufsgruppen. So nehmen beispielsweise Lehrkräfte ihre Arbeit als deutlich belastender wahr als Intensivmediziner, ohne dabei zwangsläufig stärker von Burnout betroffen zu sein. Beschäftigte in einem Industriekonzern hingegen berichten über geringere Stressbelastung als Lehrkräfte, zeigen jedoch ausgeprägtere Anzeichen von Erschöpfung.
Automatisierung kann hier als Verstärker bestehender Dynamiken sowohl positiv als auch negativ wirken. Sie kann entlasten, kann aber auch neue Stressoren erzeugen, beispielsweise Arbeitsverdichtung durch höhere Taktung, Kontroll- und Dokumentationsanforderungen, Verlust von Autonomie durch algorithmische Vorgaben oder Entgrenzung von Arbeitszeit und -ort.
Kritik am „Batteriemodell“ und an Burnout-Phasenmodellen
Als problematisch für das Burnout-Verständnis diskutiert Hillert daher das sogenannte „Batteriemodell“: Längerfristige Überforderung soll als scheinbar vornehmliche Ursache zu Energieverlust und Erschöpfung führen. Dieses Modell ist anschaulich, greift aber zu kurz. Empirisch lassen sich weder klare Burnout-Phasen noch eine zwingende Entwicklung von Überengagement zu Erschöpfung nachweisen.
Auch im Rahmen verstärkt automatisierter Arbeitsumgebungen lassen sich die Schwächen solcher Modellvorstellungen illustrieren. Menschen reagieren sehr unterschiedlich auf identische Anforderungen. Burnout entsteht nicht zwangsläufig wie bei der Überlastung einer Batterie, sondern aus der Interaktion von Person, Arbeitssystem und biografischen Mustern.
„Burnout-Kids“: Nur Überlastung oder auch Orientierungslosigkeit?
Deutlich wird die Begrenztheit des Batteriemodell etwa bei aktueller Forschung mit Jugendlichen. Erhebungen an Schulen zeigten beispielsweise höhere Burnout-Werte als bei Studierenden oder langjährig arbeitenden Erwachsenen. Als scheinbar überraschendstes Ergebnis zeigte sich dabei, dass eine starke Fixierung auf „Spaß im Beruf“ mit höherem Burnout-Erleben einhergeht, wobei Jugendliche mit klaren Berufsvorstellungen deutlich weniger belastet waren. Allerdings gaben rund 50% der Jugendlichen an, keine konkreten beruflichen Ziele zu haben.
Burnout bei Jugendlichen scheint also nicht zwingend ein Erschöpfungssyndrom durch jahrelange oder jahrzehntelange Überarbeitung widerzuspiegeln, sondern eher Frustration, Orientierungslosigkeit und Sinnunsicherheit. Eine zunehmend automatisierte und schwerer überschaubare Welt kann diese Art von Problemen verstärken und eine alleinige Prävention durch Entlastung wird angesichts der beschriebenen Befunde nicht weit genug greifen.
Ableitung von Präventionsempfehlungen
Hinsichtlich der Ableitung von Präventionsempfehlungen auf Basis, der von Hillert zusammengefassten Befunde lassen sich dabei unter anderem folgende Gedanken festhalten:
Grundlegend erfüllt Burnout, auch wenn die Kriterien für ein objektiv messbares Krankheitsbild nicht gegeben sind, die wichtige Funktion eines zeitgemäßen subjektiven Erklärungsmodells für persönliches Krankheitserleben. Der Begriff „Burnout“ macht Belastung kommunizierbar, reduziert Stigmatisierung und ermöglicht die Einleitung klarer handlungsorientierter Präventionsaktivitäten. Jedoch kann der Begriff „Burnout“ problematisch sein, wenn er unreflektiert genutzt wird und eine einheitliche klare Perspektive suggeriert wird. Zudem empfehlen sich sowohl strukturelle als auch individuelle Präventionsansätze und insbesondere bei der Arbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen die Berücksichtigung der vorhergehend dargestellten Befunde:
Strukturelle Prävention
- Automatisierung entlastend gestalten, nicht beschleunigend
- Transparente Entscheidungslogiken bei algorithmischer Steuerung
- Klare Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten
- Verbindliche Regeln zu Erreichbarkeit und Arbeitszeit
- Partizipation bei Einführung neuer Systeme
Individuelle Prävention
- Sensibilisierung für Überlastungssignale
- Reflexion leistungsbezogener Glaubenssätze
- Erweiterung von Handlungsspielräumen
- Förderung von Erholungsfähigkeit
- Kombination mit arbeitsplatzbezogenen Veränderungen
Fokus: Jugendliche & junge Erwachsene
- Unterstützung bei Werte- und Zielklärung
- Konkrete Berufsorientierung statt Offenhalten aller Optionen
- Förderung von Selbstwirksamkeit
- Struktur statt reiner Stressreduktion
- Burnout-Prävention muss mehr als Entlastung umfassen
Fazit
Burnout kann als subjektives Krankheitsmodell sichtbar machen, wo individuelle Möglichkeiten und strukturelle Bedingungen nicht mehr zusammenpassen. Automatisierung kann diese Spannungen verschärfen, aber auch Gestaltungsspielräume eröffnen.
Um eine wirksame Prävention zu erreichen, empfehlen sich differenzierte Analysen statt einfacher Pauschallösungen, insbesondere im Sinne einer Abkehr von einem einfachen „Batteriemodell“ für Burnout.
Automatisierung verändert Arbeit und Belastung.
Lassen Sie uns darüber sprechen, wie Prävention jenseits einfacher Entlastungslogiken aussehen kann.
Wenn Sie sich psychisch belastet fühlen oder Unterstützung benötigen:
Zögern Sie nicht, sich an eine Ärztin, einen Arzt, eine Psychotherapeutin oder einen Psychotherapeuten zu wenden. Kostenlose und anonyme Hilfe erhalten Sie auch hier: Telefonseelsorge: 📞 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 🌐 www.telefonseelsorge.deLiteratur
Hillert, A. (2024). Burnout: Hintergründe, Konzepte, Perspektiven. Fortschritte der Neurologie · Psychiatrie, 92(05), 194-208. https://doi.org/10.1055/a-2256-4439
Siehe auch: Hillert, A., Albrecht, A., & Voderholzer, U. (2020). The burnout phenomenon: A résumé after more than 15,000 scientific publications. Frontiers in Psychiatry, 11, 519237.
https://doi.org/10.3389/fpsyt.2020.519237
