Achtsamkeit – ein weiterer komplexer Begriff
Vom ersten modernen populären Programm von Achtsamkeitstechniken auf wissenschaftlicher Basis zum weltweiten „Hype“
Als erstes modernes populäres Programm von Achtsamkeitstechniken auf wissenschaftlicher Basis gilt die Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (Mindfulness-Based Stress Reduction, MBSR). Die MBSR wurde seit 1979 initiiert durch Jon Kabat-Zinn an der University of Massachusetts Medical School zum Einsatz bei verschiedenen stressbezogenen Erkrankungen entwickelt. Das Behandlungsspektrum reichte dabei beispielsweise auch bis hin zu chronischen Schmerzen. Im Rahmen dieser Arbeit führte Kabat-Zinn eine sehr einflussreiche Definition ein, in der Achtsamkeit verstanden wird als absichtsvolles und nicht unmittelbar wertendes Ausrichten der Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment, einschließlich eigener Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen. Dieses Bewusstsein kann eine Haltung begünstigen, in der Erlebnisse offen angenommen werden, anstatt sie sofort zu bewerten oder zu verdrängen. Kabat-Zinn sieht darin das Potential die Lebensführung in vielen Bereichen positiver zu gestalten.
Das achtwöchige Programm der MBSR wurde erstmals 1990 unter dem englischsprachigen Titel „Full Catastrophe Living: Using the Wisdom of Your Body and Mind to Face Stress, Pain, and Illness“ publiziert. Seitdem hat sich die MBSR zu einer der klassischen Sammlungen von Achtsamkeitstechniken entwickelt, welche weltweit in verschiedenen klinischen Bereichen erfolgreich eingesetzt wird. Damit einhergehend leistete die MBSR einen wesentlichen Beitrag zur Etablierung strukturierter Übungsweisen für formale Achtsamkeitstechniken wie den Body Scan, die Sitzmeditation oder die Gehmeditation.
Ein 2015 erschienener Übersichtsartikel von Bassam Khoury und Kollegen konnte konstatieren, dass MBSR auch in gesunden Stichproben vorbeugend wirksam sein kann um Ängste, depressive Symptome und Stress zu reduzieren als auch allgemein die Lebensqualität zu verbessern. Jedoch betonen Khoury und sein Team auch, dass weitere Untersuchungen erforderlich sind, um die jeweils persönlich relevanten verschiedenen Wirkweisen der verschiedenen Achtsamkeitstechniken der MBSR genauer zu identifizieren.
Zusammenhängend mit der unter anderem auch durch die MBSR mitbedingten Achtsamkeitswelle wird gegenwärtig auch ein möglicher unverhältnismäßiger „Hype“ immer wieder thematisiert. Neben teilweise omnipräsent anmutender medialer Präsenz des Achtsamkeitsthemas findet sich dies unmittelbar in der Wissenschaft etwa in einem 2025 erschienen Artikel von Doug Oman, welcher Achtsamkeit gar als grundlegende „Agenda“ für die öffentliche Gesundheit weltweit diskutiert.
„Mind the Hype!” – Perspektiven zur Wahrung der Verhältnismäßigkeit
Als moderierende Stimme zum verhältnismäßigen Ausgleich von Hype-Erscheinungen im Bereich der Achtsamkeit hat beispielsweise Nicholas T. Van Dam wissenschaftlich vielzitiert und auch öffentlichkeitswirksam beigetragen. In Zusammenarbeit mit Julieta Galante warnt er ausgehend von der oben genannten Arbeit von Doug Oman vor einer „Echokammer“ der Achtsamkeit. Stattdessen ermutigt er dazu, Achtsamkeitstechniken als potentiell zwar günstige aber keinesfalls einzige oder exklusive, sondern vielmehr komplementäre Möglichkeiten zur Verbesserung und Aufrechterhaltung der weltweiten öffentlichen Gesundheit zu sehen. Diese sollten zudem hochindividuell abgestimmt und angepasst werden.
In Zusammenarbeit mit einer umfassenden Gruppe weiterer Experten fasste Van Dam bereits 2018 in einem viel beachteten Übersichtsartikel zentrale Aspekte zur kritischen Betrachtung der Begriffe der Achtsamkeit und Meditation als auch Richtlinien zur Sicherstellung guter zukünftiger Forschung und Anwendungen zusammen. Zum Beispiel wird beleuchtet, dass trotz vielfältiger positiver Wirkmöglichkeiten von Achtsamkeitstechniken das Bewusstsein für mögliche negative Effekte ebenso verhältnismäßig im Blick behalten werden sollte. So weisen Van Dam und Kollegen darauf hin, dass das National Institute of Health der USA die mögliche Betrachtung von Achtsamkeitstechniken als scheinbares „Allheilmittel“ sehr kritisch betrachtet. Insbesondere werden Risiken gesehen in unbegründeten Behauptungen über den Nutzen oder möglichen Nebenwirkungen bei unangemessener Anwendung, wie etwa einer Verschlimmerung von Grübel-Symptomatiken bei Angsterkrankungen oder Depressionen.
Zur weiteren Illustration des verantwortungsvollen Umgangs mit Achtsamkeitstechniken sei in diesem Abschnitt abschließend erwähnt, dass diese zwar immer wieder in einen erfolgreichen Zusammenhang damit gebracht werden „sich besser zu fühlen“ – dies sollte aber nicht missverstanden werden, als ein zwingend unmittelbares „sich positiver fühlen“. Brian Lord aus dem Team um John J.B. Allen und Joseph L. Sanguinetti, mit denen wir auch im Rahmen unserer Forschungen des Projekts-Hyko international kooperieren, beschreiben etwa in einer ihrer kürzlich erschienen Arbeiten achtsam-akzeptierende Gelassenheit. Diese kann eine Möglichkeit sein, besser zu entscheiden, wie man bewusst auf Umstände reagiert, anstatt kurzschlussartig automatisch oder impulsiv zu reagieren, ohne dabei wiederum in das andere Extrem von Gleichgültigkeit oder Monotonie zu fallen. Eine solche Haltung, sich beispielsweise negativen Erfahrungen wie Schmerz zuzuwenden, konnte in Studien den scheinbar paradoxen Effekt zeigen, dass sie die Auswirkungen solcher negativen Erfahrungen mindert. Eine mögliche Erklärung hierfür könnte die achtsam-akzeptierende Gelassenheit bieten, durch die herausfordernde Erfahrungen verhältnismäßig unvoreingenommen verarbeitet werden können. So können sich die emotionale Reaktivität und die negativen Auswirkungen von Stress im Laufe der Zeit verringern und letztendlich selbstbestimmtes Verhalten verbessern.
Ausblick auf zukünftige Entwicklungen zum Themenbereich Achtsamkeit im Rahmen des Projekt-Hyko
Ausgehend von vorgestellten Informationen hoffen wir im Rahmen des Projekt-Hyko Achtsamkeitstechniken zur Burnout-Prävention in differenzierter Weise anwendungsbezogen erforschen und auch allgemein angemessen vermitteln zu können. Mit Beiträgen wie etwa dem aktuellen Blogpost hoffen wir dabei insbesondere auch eine Orientierung innerhalb der Vielfalt dieser Techniken geben zu können.
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Literatur
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https://doi.org/10.1007/s12671-024-02343-4 - Kabat-Zinn, J. (1990/2013). Full Catastrophe Living: Using the Wisdom of Your Body and Mind to Face Stress, Pain, and Illness. New York: Bantam Books Trade Paperbacks.
- Kabat-Zinn, J. (2019). Foreword: Seeds of a necessary global renaissance in the making: the refining of psychology’s understanding of the nature of mind, self, and embodiment through the lens of mindfulness and its origins at a key inflection point for the species. Current Opinion in Psychology, 28, xi-xvii.
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